Wallerstein: Postwachstum Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts?

Der Weltsystem-Theoretiker und Kapitalismuskritiker Immanuel Wallerstein hat einen sehr spannenden Artikel zu den Diskussionen über Postwachstum innerhalb der lateinamerikanischen Linken geschrieben. Er argumentiert, dass „die Frage nach der Art der „anderen Welt, die möglich ist“ – um den Slogan des Sozialen Weltforums zu verwenden“ die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts sein könnte: „Ist es eine Welt, die auf ständiges Wirtschaftswachstum setzt, wenn auch unter „sozialistischen“ Vorzeichen und Verbesserung der realen Einkommen der Menschen auf der Südhalbkugel? Oder ist es, was einige als Grundwertewandel der Zivilisation bezeichnen, eine Welt des buen vivir?“

Der Artikel ist sehr empfehlenswert, vor allem vor dem Hintergrund der im Süden, aber auch in der internationalen Decroissance-Bewegung viel diskutierten Frage, ob es darum gehen sollten, die Wachstumschancen vom Norden in den Süden umzuverteilen oder ob der Süden ein Recht auf Postwachstum hat (auch diskutiert unter dem Stichwort Kontraktion & Konvergenz).

Immanuel Wallerstein

Unterschiedliche Paradigmen in der lateinamerikanischen Linken

Lateinamerika war bisher die Erfolgsgeschichte der weltweiten Linken im ersten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Das trifft in zweierlei Hinsicht zu. Erstens und augenfälligst haben linke oder links-der-Mitte-Parteien in diesem Jahrzehnt eine bemerkenswerte Reihe von Wahlen gewonnen. Und insgesamt betrachtet haben lateinamerikanische Regierungen zum ersten Mal deutlichen Abstand von den Vereinigten Staaten genommen. Lateinamerika ist eine relativ autonome geopolitische Kraft auf der Weltbühne geworden.

Zweitens aber zeigt Lateinamerika eine weitere Erfolgsgeschichte der globalen Linken: Bewegungen der indigenen Völker Lateinamerikas haben sich politisch fast überall Gehör verschafft und ihre Rechte auf ein selbstbestimmtes politisches und soziales Leben eingefordert. Das wurde der Weltöffentlichkeit erstmals 1994 mit dem dramatischen Aufstand der Neo-Zapatisten im mexikanischen Bundesstaat Chiapas deutlich. Was weniger bemerkt worden ist, ist das Erstarken ähnlicher Bewegungen überall in Lateinamerika und das Interamerikanische Netzwerk, das die lokalen Organisationen inzwischen geschaffen haben.

Das Problem besteht jedoch darin, dass die zwei Arten von Linken – die Parteien, die in den verschiedenen Staaten an die Macht gelangt sind und die Bewegungen der Ureinwohner in den betreffenden Ländern – keine identischen Ziele haben und ziemlich unterschiedliche ideologische Sprachen verwenden. Die Parteien haben die wirtschaftliche Entwicklung zu ihrem wichtigsten Ziel gemacht. Dieses Ziel wollen sie wenigstens teilweise durch größere Kontrolle über ihre eigenen Ressourcen und bessere Vereinbarungen mit ausländischen Unternehmen, Regierungen und internationalen Institutionen erreichen. Sie streben nach Wirtschaftswachstum, mit dem Argument, nur dadurch könne der Lebensstandard ihrer Bürger verbessert und mehr Gleichheit auf der Welt erlangt werden.

Die Bewegungen der Ureinwohner haben sich bemüht, größere Kontrolle über ihre eigenen Ressourcen und bessere Übereinkünfte nicht nur im Ausland, sondern auch mit ihren eigenen Regierungen zu erzielen. Im Allgemeinen sagen sie, dass ihr Ziel nicht Wirtschaftswachstum ist, sondern der Einklang mit PachaMama, der Mutter Erde. Sie möchten nicht über mehr Ressourcen der Erde verfügen, sondern einen vernünftigeren und verantwortungsvollen Umgang, der das ökologische Gleichgewicht respektiert. Sie streben das buen vivir an – gut zu leben.

Es überrascht nicht, dass die Bewegungen der Urbevölkerungen im Konflikt standen mit den wenigen erzkonservativen Regierungen in Lateinamerika – wie Mexiko, Kolumbien, und Peru. Vermehrt, und ganz offen, geraten diese Bewegungen auch in Konflikt mit den Mitte-Links-Regierungen wie in Brasilien, Venezuela, Ecuador, und sogar Bolivien.

Ich sage „sogar“ Bolivien, weil das die einzige Regierung ist, die eine indigene Person mit massiver Unterstützung der stimmberechtigten Ureinwohner zum Präsidenten gewählt hat. Und dennoch hat es einen Konflikt gegeben. Es geht dort, wie überall, darum, ob und wie Bodenschätze erschlossen werden, wer die Entscheidungen trifft, und wer über die Einnahmen verfügt.

Die linken Parteien neigen dazu, die Bewegungen der einheimischen Völker, die mit ihnen in Konflikt geraten, als wissentliche oder unwissentliche Marionetten (wenn nicht sogar Agenten) der nationalen rechten Parteien und ausländischer Kräfte, insbesondere der Vereinigten Staaten, zu beschuldigen. Die Bewegungen der Indigenen, die gegen die linken Parteien opponieren, bestehen hingegen darauf, dass sie nur aus eigenem Antrieb ihre ureigenen Interes- sen vertreten, und beschuldigen ihrerseits die linken Regierungen, diese handelten genau wie die einstigen konservativen Regierungen ohne echte Rücksicht auf die ökologischen Folgen ihres Entwicklungs-Aktivismus.
Kürzlich ist in Ecuador etwas Interessantes geschehen. Die dortige linke Regierung von Rafael Correa, der mit der Unterstützung der Bewegungen der Ureinwohnervölker an die Macht gekommen war, geriet anschließend mit ihnen in scharfen Konflikt. Der akute Streitpunkt war die Absicht der Regierung, Ölvorkommen in einem geschützten Amazonasreservat namens Yasuni zu erschließen. Am Anfang ignorierte die Regierung die Proteste der einheimischen Einwohner des Gebiets. Aber dann entschied sich Präsident Correa dafür, eine geniale Alternative zu verfechten. Er schlug den Regierungen des reichen Nordens vor, dass diese Ecuador im Falle eines Erschliessungsverzichtes für Yasuni entschädigen sollten, mit der Begründung, dass dies ein Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Klimawandel wäre.

Dieser Vorschlag wurde auf dem Kopenhagener Klimagipfel 2009 zunächst als Wunschtraum angesehen. Aber nach sechs langen Verhandlungsmonaten erklärten sich fünf europäische Regierungen (Deutschland, Spanien, Belgien, Frankreich und Schweden) bereit, einen durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen zu verwaltenden Fonds zu schaffen, um daraus Ecuador dafür zu bezahlen, Yasuni nicht zu erschliessen – dies sei ein Beitrag zur Verminderung von Kohlenstoff-Emissionen. Es soll inzwischen ein neues Verb, „yasunizieren“, geben, um solche Geschäfte treffend zu beschreiben. Aber wie viele solche Deals wären möglich?

Ein grundsätzlicheres Thema steht hier zur Diskussion. Es ist die Frage nach der Art der „anderen Welt, die möglich ist“ – um den Slogan des Sozialen Weltforums zu verwenden. Ist es eine Welt, die auf ständiges Wirtschaftswachstum setzt, wenn auch unter „sozialistischen“ Vorzeichen und Verbesserung der realen Einkommen der Menschen auf der Südhalbkugel? Oder ist es, was einige als Grundwertewandel der Zivilisation bezeichnen, eine Welt des buen vivir?

Diese Debatte wird nicht leicht zu lösen sein. Zur Zeit ist es eine Debatte zwischen den linken Kräften Lateinamerikas. Aber ähnliche Situationen liegen vielen der inneren Spannungen in Asien, Afrika, und sogar Europa zugrunde. Es könnte sich als die große Debatte des einundzwanzigsten Jahrhunderts erweisen.

aus: SIG 85, http://www.attac.de/aktuell/attac-medien/sig
Übersetzung: Thomas Leinberger, coorditrad

http://fbc.binghamton.edu/commentr.htm

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