Postwachstum – 12 Fluchtlinien einer solidarischen Ökonomie jenseits des Wachstums

Matthias Schmelzer & Alexis J. Passadakis

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1.) Unser Ziel: Soziale Rechte global und konkret

Was ist das Ziel unserer Wachstumskritik, und warum halten wir es grundsätzlich für notwendig jetzt Fluchtlinien einer Postwachstumsökonomie zu skizzieren? Unser Ziel ist, soziale Rechte global durchzusetzen, die ein gutes Leben für alle möglich machen. Unsere Alternative einer solidarischen Post­wachstumsökonomie hat nicht wie viele Spielarten der Wachstumskritik nur abstrakt „das Überleben der Menschheit“ oder „die Rettung der Natur“ vor Augen. Denn eine solche Perspektive droht konkrete soziale Rechte von Individuen und Gruppen auszublenden. Sie soll stattdessen den Anspruch sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit im hier und jetzt und in der Zukunft einlösen. Schon als die englischen Bauern von dem Landadel von den Allmenden vertrieben wurden, konnte die soziale Frage nicht getrennt von der ökologi­schen betrachtet werden – auch wenn dies in der Vergangenheit häufig getan wurde. Nach Jahren des immer stärkeren Zugriffs transnationaler Konzerne auf natürliche Ressourcen und angesichts der weltweiten Zuspitzung der Biokrise (d.h. Klimakrise, Peak Oil, Verlust der Artenvielfalt, Degradation von Böden etc.), welche die Überlebensbedingungen von hunderten von Millionen Menschen dramatisch gefährdet, kann (globale) Gerechtigkeit nur sozial-ökologische Gerechtigkeit sein. Eine zentrale Fluchtlinie dahin ist die solidarische Postwachstumsökonomie.

2.) Die Natur ist begrenzt und widerständig

Es gibt kein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten. Neo-Klassische Ökonomen blenden die Existenz der Natur und ihre Widerständigkeit aus. Materie, Raum und Zeit als Dimensionen dessen, was wir als Realität bezeichnen würden, kommen in ihren Textbüchern nicht vor. Natur erscheint lediglich in Form von Ressourcen, die bei Knappheit durch höheren Kapitaleinsatz substituiert werden können. Produktion- und Reproduktion basieren jedoch grundlegend auf der Natur: sie wird genutzt (saubere Luft, Ackerland etc.) und Rohstoffe entnommen und umgewandelt. Die Natur ist begrenzt und lässt sich nur unzureichend durch Kapital kompensieren. Natürlich ließe sich ausrechnen, wie teuer es wäre, punktuell künstliche Bestäu­bungsmaschinen für eine Obstplantage in Kalifornien einzusetzen, aber wenn es keine Bienen mehr gibt, dann haben wir ein ernstes Problem.

Die globale Biokrise, vor allem die Klimakrise und das Erreichen des Fördermaximums von Erdöl (Peak Oil), setzen dem Wachstum äußere Grenzen. Insbesondere der Zusammenhang zwischen der Ausbeutung der energetisch höchst dichten fossilen Energieträger und dem kapitalistischen Wachstumsregime macht Peak Oil (Prognosen reichen von 2005 bis 2020) zu einem einschneidenden Phänomen – die Frage ist nur, wie chaotisch und gewaltsam, oder demokratisch geplant und kooperativ. Tödliche Wetterextreme und Ressour­cenkriege werfen ihre Schatten voraus. Die Bedingungen für emanzipatorische Auseinandersetzungen welt­weit werden dadurch nicht besser.

3.) Entkopplung ist nicht möglich

Konzepte „nachhaltigen“ oder „grünen“ Wachstums, Green New Deal und andere Varianten eines „grünen“ Kapitalismus erleben seit ein paar Jahren eine Renaissance. Think Tanks entwickeln neue Konzepte, Politi­kerInnen versuchen damit neue Mehrheitsblöcke zu schaffen. All diesen programmatischen Ansätzen ist die Vorstellung gemeinsam, dass eine umfassende Entkopplung von Wirtschaftswachstum auf der einen und Ressourcenverbrauch und Verschmutzung der Umwelt auf der anderen Seite möglich ist. Technische Innovationen, erneuerbare Energien, Ressourceneffektivitätssteigerungen und die saubere Dienstleistungsgesellschaft – so das proklamierte Ziel des dematerialisierten Wachstums – würden es möglich machen, dass das Bruttoinlandsprodukt weiter wächst, die Ökonomie jedoch immer weniger fossile Energieträger und andere begrenzte Ressourcen verbraucht. Doch eine derartige Entkopplung – in dem notwendigen absoluten Maße – ist eine Illusion. Die notwendige Reduktion von CO2 in den frühindustrialisierten Ländern des Nordens macht bei gleichzeitigem anhaltenden Wirtschaftswachstum Steigerungen der Ressourcenproduktivität und neue Technologien notwendig, die jenseits des technisch und politisch möglichen liegen – auch angesichts der Funktionsweise unserer Ökonomie, des historisch zu beobachtenden Falls der Innovationsraten, und des bisherigen Scheiterns von Entkopplungsstrategien.[1] Heraus­wachsen aus der Biokrise ist daher keine Option. Zudem ist ein Gesundschrumpfen der Ökonomien im Norden auch notwendig, da armen Regionen im Süden mittelfristig gewisse Wachstumsoptionen zugestanden werden müssen.

4.) „Leur récession n’est pas notre décroissance!“

…lautete ein Slogan bei den Krisenprotesten 2009 in Frankreich („Ihre Rezession ist nicht unsere Décroissance!“). Denn eines ist klar: Unsere Vorstellung von Postwachstumsökonomie ist nicht, die Öko­nomien innerhalb der bestehenden ökonomischen und sozialen Strukturen und Verteilungsverhältnisse zu schrumpfen – dies führt zu Sozialkahlschlag, Verarmung und den anderen Begleiterscheinungen kapitalisti­scher Krisen, wie wir sie derzeit erleben. Innerhalb der bestehenden wachstumsabhängigen Strukturen bedeutet ein Schrumpfen der Ökonomie, dass die Produktivitätszuwächse nicht durch Wachstum aufgefan­gen werden können und dadurch Arbeitslosigkeit rapide zunimmt. Die zahlungskräftige Nachfrage sinkt, die Krise verschärft sich, zur Rezession kommt die Deflation. Gleichzeitig sinken die Steuereinnahmen der öffentlichen Hand, die Sozialsysteme kommen unter Druck, Verschuldung explodiert. Beides führt zu einer gefährlichen Spirale aus Rezession und Verarmung. Im auf permanentes Wachstum basierenden Kapitalismus gilt: Schrumpfung = Rezession = soziale Krise.

5.) …und eure Austerität ist nicht unser Postwachstum!

Bei der Transformation zu einer solidarischen Postwachstumsökonomie geht es darum, eine neue ökonomi­sche Grammatik zu erkämpfen, die soziale Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle weltweit überhaupt erst möglich macht, und als Konsequenz zu einer Reduzierung des BIP führen würde. Ein alleiniger Fokus auf einen Schrumpfungsimperativ ist allerdings verkürzt und gefährlich. Dies zeigen nicht zuletzt neoliberale und konservativ-neofeudalistische Spielarten von Wachstumskritik insbesondere in der Bundesrepublik, die mit ihren ökologisch motivierten wachstumskritischen Argumenten in den reaktionären Chor des „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ oder „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“ einstimmen und Wachstumskrit­ik zum Rechtfertigungsinstrument und Hebel von Austerität und Sozialabbau machen.[2] Im Gegensatz dazu zielt das Konzept einer solidarischem Postwachstumsökonomie der Décroissance auf eine demokratisch ausgehandelte Schrumpfung von Produktion und Konsum, um soziale Rechte für alle zu ermöglichen, weltweit, jetzt und in Zukunft.

6.) Es gibt kein gutes Wachstum, sondern nur ein gutes Leben!

Postwachstum zielt nicht auf abstraktes und utopisches Spekulieren über eine Gesellschaft nach dem Kapitalismus, sondern es geht um die Anerkennung von oft ausgeblendeten sozio-ökonomischen, sowie ökologischen Dynamiken und die Neuausrichtung emanzipatorischer Strategien. Regierungen und transna­tionale Konzerne stehen dem entgegen. Aber auch wer in der jetzigen Krise wie die Brüsseler Bürokraten des Europäische Gewerkschaftsbundes mit dem Slogan „No cuts, more growth!“ agiert, sitzt – bei aller drängen­den Notwendigkeit sich gegen die Sozialkürzungen zu stemmen – der Illusion auf, die gesellschaftlichen Probleme ließen sich durch mehr Wachstum lösen. Doch seit Jahrzehnten gehen die Wachstumsraten in den Industrieländern zurück, ein Prozess, dessen Ursachen nicht nur in den äußeren Grenzen des Wachstums liegen (Verteuerung der Ressourcen, Zerstörung des Klimas etc.), sondern auch in den inneren Schranken kapitalistischer Entwicklung (relative Sättigung). Wachstum reicht schon seit langem nicht mehr, um die strukturelle Arbeitslosigkeit effektiv zu lindern (jobless growth), Wachstum steigert nicht die Wohlfahrt, und die steigende Flut hebt nicht alle Boote.[3] Peak Oil ist eine ernste Herausforderung auch für traditionell-linke Wachstumsstrategien. Kriege zur Absicherung der Rohstoffe, katastrophale Tiefseebohrungen und Millionen von Flüchtlinge gehören untrennbar zum fossilistischen Wachstumsmodell. Wachstum steht dem Ziel globaler sozialen Rechten entgegen. Denn was da wächst sind abstrakte Tauschwerte, Akkumulations-möglich­keiten für wenige, die ein gutes Leben für alle unmöglich machen.

7.) Goodbye, Keynes – good morning Keynes and beyond…

Keynesianische Politik scheiterte in den 1970/80er Jahren, als sie die Verwertungsbedingungen des Kapitals nicht mehr gewährleisten konnte. Sprich: das keynesianische Wachstumsmodell stieß an seine Grenzen. Die Antwort war die neoliberale Konterrevolution, wie sie ihr Vordenker Milton Friedmann nannte. Inzwischen ist auch das neoliberale Wachstumsmodell, der finanzmarktgetriebene Kapitalismus, in einer Krise. Ange­sichts des Scheiterns des Keynesianismus – vor allem im globalen Kontext – und der ökologischen Grenzen, sind allerdings Hoffnungen auf eine neue keynesianische Phase, die Hoffnung auf ein öko-keynesianisches Wachstumsregime jenseits des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus verfehlt. Viele der in der emanzipatori­schen Linken diskutierte – auch keynesianische – Konzepte sind jedoch weiterhin zentral, besonders zur Dämpfung von sozialer Ungerechtigkeit und Ausbeutung: radikale Umverteilung, Arbeitszeitverkürzung, Wirtschaftsdemokratie und Kontrolle von Kapital und Investitionen. Diese gilt es mit darüber hinausgehen­den Konzepten wie (Wieder)Aneignung der Gemeingüter, Deglobalisierung, neuen Formen der Arbeit, Ernährungssouveränität[4] und Energiedemokratie neu zusammen zu denken, und zwar unter den Vorzeichen einer Wirtschaft, die nicht wächst, sondern bis zu einem Stabilisierungspunkt schrumpft. Dabei geht es auch darum, den verborgenen Keynes, den Stagnationstheoretiker zu entdecken, der eine Gesellschaft befreit von Arbeitszwang und Profitstreben skizzierte. Letztlich müssen wir durch Keynes hindurch und über ihn hinaus, um zu unserer solidarischen Postwachstumsökonomie zu gelangen.

8.) Weniger Produzieren, Arbeitszeit verkürzen, Reichtum umverteilen, Investitionen kontrollieren

Postwachstum ist der Bruch mit der Scheinlogik des verteilungspolitischen Positivsummenspiels und der Illusion der Knappheitsökonomie, in der nur umverteilt wird, wenn die Wirtschaft wächst. Die Politik des „Trickle-down“ ist nicht nur fundamental gescheitert – Wachstum geht real mit der Produktion von Unter­entwicklung und zunehmender Ungleichverteilung einher. Doch es ist genug für alle da. Der bestehende Reichtum muss gerecht verteilt werden, und nicht weiter wachsen. Dafür brauchen wir nicht nur ein Mini­maleinkommen, sondern auch ein Maximaleinkommen, wie in der französischen Décroissance-Bewegung gefordert wird.

Postwachstum verabschiedet sich auch von der Illusion der wachstumsbasierten Vollbeschäftigungsgesell­schaft. Schon lange reichen die realen Wachstumsraten nicht mehr aus, um die durch Produktivitätssteige­rung und Ökonomisierung freigesetzten Arbeitskräfte wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Alter­native zu Hartz-IV, Verarmung und dem „überflüssig“-machen großer Teile der Gesellschaft ist die Arbeits­zeitverkürzung für alle. Zudem ist eine Absenkung der absolut geleisteten Zahl von Lohnarbeitsstunden nötig, um das BIP tatsächlich dauerhaft abzusenken. 20 Stunden sind genug – für’s erste![5] Nicht zu vergessen: es gibt ein Leben jenseits von Lohnarbeit, in dem – wie feministische Ökonominnen immer betonen – die notwendige Arbeit getan wird, die die Gesellschaft zusammenhält. Und auch diese muss umverteilt werden – auf alle.

Arbeitszeitverkürzung ist Sand ins Getriebe der Wachstumsökonomie und schafft neue strategisch notwen­dige Spielräume, allein reicht sie allerdings nicht. Schließlich würde weitere massive „Rationalisierung“ die Antwort der Unternehmen sein, und ihr Imperativ Profite zu erzielen, also zu wachsen, würde nicht ausgehebelt. Neue Formen entmonetarisierten Wirtschaftens, der Solidarischen Ökonomie und der Bewirt­schaftung von Commons/Allmenden sind notwendig. Gleichzeitig muss es darum gehen, in den real-existierenden Finanzmarktkapitalismus einzugreifen und Investitionen demokratisch zu kontrollieren und umzulenken – weg von fossilistischen Hochwachstumssektoren hin zu Sorgeökonomie, gebrauchswertorien­tierten Basisdienstleistungen und sozial-ökologischem Umbau. Und statt (öffentliche) Schulden zu bedienen, kämpfen wir für Schuldenerlass. Drop the debt![6]

9.) Jenseits des Kapitalismus

Alle, die ernsthaft versuchen, über Wachstumskritik hinaus zu gehen und eine Schrumpfung und darauf folgend eine stabile Ökonomie anzupeilen, stehen vor immensen Herausforderungen, denn es geht um eine grundlegende soziale Transformation, die an die Wurzeln geht. Plausible technokratische Konzepte für eine solidarische Postwachstumsökonomie, aber auch beispielhafte Insellösungen solidarischer Ökonomie, sind unverzichtbar – sie reichen jedoch nicht, wenn der Akkumulationsprozess des Kapitals weitergeht. Wachstum wird angetrieben durch die blinde Selbstverwertung des Kapitals: Geld wird in die Produktion investiert, um mehr Geld zu werden, was die Zunahme der Produktion von Werten voraussetzt. Postwachstum heißt daher, dass die Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals abnehmen und die durch die Finanzmärkte aufgeblähten fiktiven Vermögensansprüche nicht realisiert werden können. Darüber hinaus müssen, um zu einer solidarisch-ökologischen Ökonomie zu kommen, viele Produktionsstätten – vor allem in den fossilistischen Sektoren – im Zuge der Transformation in eine Postwachstumsökonomie stillgelegt werden (Disinvestment). Beides bedeutet die Vernichtung von Kapital. Um globale soziale Rechte zu ver­wirklichen, führt kein Weg an diesem Kern der politischen Ökonomie und damit an dieser Machtfrage vorbei. Das Problem: das neoliberale Globalisierungsprojekt mit seiner Liberalisierung der Märkte (WTO, IWF), Privatisierung, Deregulierung und Angriffen auf kollektive soziale Akteure hat die Macht des transna­tional agierenden Kapitals enorm gesteigert. FAQ: Welche sozialen Akteurskonstellationen mit welchen Interessen, Mitteln und Strategien wollen und können eine solidarische Postwachstumsökonomie und die notwendige Dekommodifizierung und Entmonetarisierung von (Re)Produktionsräumen durchsetzen?

10.) Buen vivir jenseits von Tradition und Moderne

Die Idee von ewigem Wachstum verbunden mit der Idee des homo oeconomicus, ist integraler Bestandteil des Konzepts der Moderne. Von diesen gilt es hier und jetzt zu desertieren. Aber die gute Nachricht ist: „Wir sind nie modern gewesen!“, wie Bruno Latour entdeckte und Donna Haraway bekräftigte.[7] Und wir sind auch nicht die „Dromomaniacs“ (Geschwindigkeitsfanatiker) zu denen der französische Urbanist Paul Virilio uns ernannte.[8] Aber auch wenn wir uns vom Wachstum verabschieden – farewell, farewell! – beanspruchen wir natürlich weiterhin die modernen Konzepte wie Menschenrechte und Demokratie, die das Ergebnis von Kämpfen um Emanzipation sind. Postwachstum heißt nicht, die Idee der Möglichkeit von Fortschritt aufzugeben – sondern eine Loslösung der Fortschrittsidee vom Glauben an Güteranhäufung und Wirt­schaftswachstum. Postwachstum heißt damit eben nicht zurück zur Tradition, zur Steinzeit, oder sich einer anything-goes-Postmoderne zu ergeben. Postwachstum nimmt die postkoloniale Situation und die  seit dem Aufstieg der Schwellenländer multipolare Konstellation ernst – und damit die Frage nach globaler Gerech­tigkeit und Gleichheit. Die konkrete Utopie des guten Lebens (buen vivir) in einer egalitären Gesellschaft ohne Wachstum konstituiert eine neue Fluchtlinie jenseits von Tradition und Moderne. Die Idee der solidari­schen Postwachstumsökonomie wiedereröffnet den Horizont der Möglichkeiten jenseits der Dominanz der herrschenden ökonomischen Vorstellungen und Zwänge. Es geht um die Dekolonialisierung der Imagination, um die Demystifizierung von allzu oft fetischisierten Konzepten wie Wirtschaftswachstum, Fortschritt, Lohnarbeit, Effizienz und BIP. Fragend schreiten wir voran…

11.) Transkommunalismus statt Postdemokratie

Die Demokratie erlebt/e schwere Attacken durch das neoliberale Roll-back seit den 1970/80ern. Spätestens unter dem Ausnahmezustand der Weltwirtschaftskrise und den über Nacht geschnürten exzessiven „Rettungspaketen“ für die Banken sind wir in einer Postdemokratie angekommen. Die sozialen Auswirkun­gen der Krise und die sozialen Folgen der Biokrise – erhöhen den Druck auf demokratische Strukturen. Eine solidarische Postwachstumsökonomie erfordert daher neue demokratische Institutionen, eine Rekonstituierung von lokaler und nationaler Demokratie. Eine europäische und globale Demokratie sind noch ein weiter Weg. Und die Restrukturierung von Produktion zielt auf Deglobalisierung[9], eine neue Artikulation der lokalen Ebene mit der nationalen und globalen auf Basis neuer demokratischer Verfahren. Dazu gehören die Kontrolle von Finanzmärkten und insbesondere Investitionen. In die Falle eines kurzsichtigen Lokalismus werden wir nicht tappen. Ebenso rassistischen Chauvinismus angesichts von Migrationsströmen und absehbar 9 Mrd. Menschen auf diesem Planeten. Stattdessen gilt es demokratische transkommunale Strategien zu erfinden.

12.) Der Postwachstumshorizont

Abwehrkämpfe gegen Austeritätspolitik werden die zweite Krisenphase, die mit der Eurozonen-Krise begann, prägen. Diese Kämpfe gegen Sozialkahlschlag sind und bleiben absehbar defensiv. Ein offensives Projekt, welches tatsächlich über den (neoliberalen finanzmarktgetriebenen) Kapitalismus hinaus weist, fehlt bisher. Aber wir brauchen einen neuen Horizont, um unsere Energien zu fokussieren. Eine der Fluchtlinien, die diesen neuen Horizont zeichnen, ist die solidarische Postwachstumsökonomie.

Die globalisierungskritische Bewegung – oder auch altermondialistische oder „global justice“-Bewegung – (aus GewerkschafterInnen, politischen Gruppen, Netzwerken und Organisationen) spielte mit ihrer anti-neoliberalen Positionierung eine wichtige Rolle dabei, die soziale Frage nach den langen Jahren des neoliberalen „pensé unique“ der 90er Jahre zu rekonstituieren. Seit etwa 2007/08 – symbolisiert durch die Gründung von Climate Justice Now! beim Klimagipfel in Bali, der ersten Degrowth-Konferenz in Paris und vor allem Dank indigener Bewegungen beim Weltsozialforum im amazonischen Belem[10] etc. – beginnt eine Rekonstituierung des Feldes kritischer politischer Ökologie, von Umwelt- und Klimagerechtigkeit.

Uns erscheint es zwingend, dass ökologische Gerechtigkeit integraler Bestandteil eines möglichen zweiten Zyklus der „global-justice“-Bewegung wird. Der Postwachstumshorizont verbindet die soziale und ökologi­sche (Verteilungs-)Frage, und er verknüpft Mikro-Praktiken und makro-ökonomische Konzepte und verbin­det transkommunal das Lokale mit dem Nationalen und Globalen. Die solidarische Postwachstumsökonomie ist eine Perspektive für eine offensive Bewegung, die Alt und völlig Neu zu einem kommenden Horizont verknüpft.

Kontakt:

postwachstum@gmx.de


[1] Vgl. Sustainable Development Commission (2009), Prosperity without growth?, http://www.sd-commission.org.uk/pages/redefining-prosperity.html; NEF (2010), Growth Isn’t Possible, http://www.neweconomics.org/publications/growth-isnt-possible.

[2] Siehe http://www.denkwerkzukunft.de. Vgl. aber auch die Ideen von Zac Goldsmith, Abgeordneter der Konservativen im Unterhaus, „The Constant Economy“.

[3] Dieses Sprichwort geht ursprünglich auf J.F. Kennedy zurück und besagt, Wachstum steigere die Einkommen der Ärmsten. Vgl. z.B. die Rede des Managing Director des IMF, Rodrigo de Rato, A Rising Tide Lifts All Boats: How Europe, by Promoting Growth, Can Help Itself and Help the World, http://www.imf.org/external/np/speeches/2006/052206.htm; und die Studie des NEF (2006), Growth Isn’t Working, http://www.neweconomics.org/publications/growth-isn%E2%80%99t-working.

[7] Bruno Latour (2008), Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a.M.; Donna Haraway (1991), Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature, Routledge, New York.

[8] Paul Virilio (1986), Speed and Politics: An Essay on Dromology, Autonomedia.

[9] Walden Bello (2002), Deglobalisation: Ideas for a new world economy, Zed Books.

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12 Antworten zu Postwachstum – 12 Fluchtlinien einer solidarischen Ökonomie jenseits des Wachstums

  1. rainerthiel schreibt:

    Hallo Matthias, Alexis,
    in der Sache sehe ich die Dinge genauso wie Ihr. Da besteht von mir aus kein weiterer Gesprächsbedarf.

    (Nur eine Anmerkung zu Seite 4 ganz oben: „Arbeitszeitverkürzung ….. schafft neue strategisch notwendige Spielräume“: Tausend Mal ja. Das müsste weiter ausgeführt werden! „Schließlich würde …. die Antwort der Unternehmen sein….“: Nein, nicht unbedingt, denn die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt würden durch Arbeitszeitverkürzung weitgehend umgestülpt werden, und wenn die werktätigen Massen kraft ihrer gewonnenen Spielräume, kraft gewachsenen Selbstvertrauens und dank kulturell modifizierter Bedürfnisse einen Wall gegen Steigerung der Arbeitshetze errichten, könnten die Unternehmen nur noch mit neuer Technik gegenhalten, und das wäre nicht verkehrt, im Gegenteil, es würde sogar die Basis weiterer Arbeitszeitverkürzung sein. Spirale im erwünschten Sinn.)

    Mir scheint aber, der Text, zu dem Ihr die Initiative ergriffen habt, ist noch zu wenig offensiv. Das ist sicherlich der Macht sozial-ökonomischer Kräfte geschuldet, die gegenwärtig noch die Wirtschaft, die Politik und die Medien beherrschen und denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, bis ans Ende des Erträglichen. Wir haben viele ängstliche Menschen um uns. Umso nötiger scheint mir, nicht einfach nur von Fluchtlinien zu sprechen, sondern – etwa – von „Neulandgewinnung“, (von mir aus auch von „Himmelsleiter“):

    Wir wollen, dass nicht länger das „Haben“ triumphiert, sondern dass die Welt menschlicher, solidarischer, kulturvoller wird. Wir haben eine neue Vorstellung von Reichtum zu schaffen: Der Mensch wird reich, indem er sich vom Ballast allzu vieler Sachen befreit, indem er sich dank zunehmender Bildung den Zugang zur Kultur aller Zeiten und Völker sowie den Zugang zu Erkenntnissen und Fähigkeiten anderer Menschen verschafft, also indem er seine intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten erweitert, und schließlich indem er den anderen Menschen nicht mehr primär als Konkurrenten sieht, sondern als Schwester bzw. Bruder.

    Wir haben allein schon unter den Attacies viele, die dafür aufgeschlossen sind, aber Ermutigung brauchen, den Wirtschaftsmächten gegenüber den Kopf höher zu heben, so, wie das einige schon tun, wenn sie in zivilem Ungehorsam Banken besetzen. Wir müssen uns nur ein bisschen üben, in Kategorien wie „menschlicher Reichtum“ zu denken. Dann helfen wir auch den Gewerkschaften und den Partei-Linken.

    Und wir helfen allen Menschen, sich den ökologischen Problemen und den Anforderungen einer friedlichen Welt zu stellen. Die Natur werden sie dann schon deshalb schützen, weil sie fähig werden, die unendlich vielen Schönheiten der Natur, auch der heimatlichen Natur, genießend zu sehen, den Himmel frei von Kondensstreifen, und nicht so sehr vorm Ballermann auf Mallorca zu liegen.

    Mit schönen Grüßen Rainer

  2. Thomas Oberländer schreibt:

    Mir erscheint der Text für „Fluchtlinien“ auch zu defensiv, er schildert sehr lange die Situation, aus der man am liebsten flüchten möchte, aber wo ist der Notausgang aus dem System? Was kann man heute, in der Situation, wie sie ist, tun, um was zu verbessern, damit man irgendwann zu der gewünschten Ökonomie jenseits des Wachstums hinkommt?

    Ich glaube, da kann der „Transition-Town“-Ansatz weiterhelfen: Ein Baukasten, was man tun kann, damit es besser wird, ob Gemeinschaftsgärten, Food-Koop oder Regionalwährung.

    • Kris Kunst schreibt:

      Lieber Thomas,
      Du fragst nach dem Notausgang – und Dir fallen Regionalwährungen und die Transition Town Ansätze ein. Das hieß in den 70ern „ökologisch-dynamische Landwirtschaft“. Vor 5 Jahren schwärmten alle von der angeblich neuen „Solidarischen Ökonomie“ – die man in den 70er Jahren „Kollektivbewegung“ nannte und in den 80er Jahren „Selbstverwaltete Betriebe“. Was haben sie gemeinsam? Die Froschperspektive.
      Ja gewiss, es gibt viele sinnvolle Projekte „von unten“. Sie bilden mögliche Keimzellen für konkrete kleinteilige Strukturen von Gesellschaft. Und sie ermutigen Menschen. Was mit diesen Keimzellen passiert , ist ungewiss – wie die oben genannten Beispiele zeigen, können sie auch wieder absterben. Aber eines scheint mir gewiss: Dass sie den Kapitalismus von innen her auffressen, ihn quasi grasswurzelmäßig komplett zerlegen, dürfte so nicht passieren. Wenn wir nicht auch den kapitalistischen Rahmen „von oben her“ ändern, fristen sie bestenfalls ein Nischendasein. Kann die Nische ein Notausgang sein? Wohl kaum: „Not“ hat mit Zeitdruck zu tun, und angesichts des Niedergangs der Umwelt und dem sozialen Niedergang (ein Mal bitte nach GR schauen) können wir nicht auf eine 100 oder 200 Jahre währende Grasswurzel-Evolution hoffen, selbst wenn wir denken, dass sie gelingen kann.
      Wir brauchen also (in Ergänzung zur Froschperspektive) vor allem die „Vogelperspektive“, den großen Wurf. Die Systemveränderung. Man könnte es auch „Revolution“ nennen, durchaus im traditionellen Sinne der Machtergreifung einer Bewegung. Diese ist bei weitem nicht die hinreichende, aber allemal die notwendige Bedingung dafür, dass wir diese Todesmaschine Kapitalismus gestoppt bekommen. Diese braucht aber eine Vorstellung davon, was sie mit plötzlich errungener Macht anzustellen gedenkt. Eine Systemalternative muss vorgedacht sein, zumindest in groben Zügen. Auch, damit es eine Degeneration wie den Staatssozialismus nicht noch einmal gibt. Darüber fangen wir an uns Gedanken zu machen auf http://www.systemalternative.de. Eine Seite, die im Grunde genommen dort ihren Startpunkt nimmt, wo Alexis und Matthias mit ihren 12 Fluchtlinien landen.
      Wir befinden uns allesamt am Anfang einer sehr spannenden Debatte.

  3. Adèle Bouvattier schreibt:

    Hi euch beide,
    hier also Punkt nach Punkt einige Bemerkungen…

    – Punkt 2 ist eine zentrale frage : Die Natur ist begrenzt und widerständig und… wie gehen wir damit demokratisch um? Das Heisst gg das Risiko des Ökototalitarismus, zu dem das Postwachstumsprojekt eine Alternative ist. Valérie Fournier hat über diese Frage eine Interessante Analyse in ihrem Artikel „Putting the economy in its place“ geschrieben.

    – 4. Hier sollte vielleicht genannt werden, dass das Pb nicht passiv ist, sondern aktiv durch eine sehr klar Gewinn-orientierte politische Wille. Ihr beschreibt den Phänomen als Fatalität, aber problematisch sind privaten Aktienbesitz und Gefälligkeitspolitiken, und sie sind vor allem eine Frage der Demokratie…

    – 6. Neben Umverteilung soll vielleicht einen Wort über die Zinsen gesagt werden… Helmut Kreuz fasst es für uns zusammen: „Solange sich die Geldvermögen alle sieben bis acht Jahre verdoppeln, verdoppeln sich auch die Zinsströme und damit die Umverteilungen in unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich, (was nur durch Wirtschaftswachstum etwas verträglicher gemacht werden kann…)“

    – Punkt 7 schreibt ihr: „Viele der in der emanzipatori­schen Linken diskutierte – auch keynesianische – Konzepte sind jedoch weiterhin zentral, besonders zur Dämpfung von sozialer Ungerechtigkeit und Ausbeutung: radikale Umverteilung, Arbeitszeitverkürzung, Wirtschaftsdemokratie und Kontrolle von Kapital und Investitionen.“
    Patriarcat und Ausbeutung der Frauen aber nicht? Muss aber irgendwo auftauchen, und ihr spricht danach kurz über die „Feministinnen“ also es wäre hier nicht ganz sinnlos. Patriarcat und Ausbeutung der Frauen liegen am Grund des Funktionierens dieser Gesellschaft und Wirtschaft – bei Keynes genau gleich.

    „Diese gilt es mit darüber hinausgehen­den Konzepten wie (Wieder)Aneignung der Gemeingüter, Deglobalisierung, neuen Formen der Arbeit“
    …bzw. „entgendern“ der produktiven und reproduktiven Arbeit im Rahmen einer neuen Verteilung der Rollen der Geschlechte in einer der Frauen Emanzipatorischen/befreienden Dynamik.

    10. Hier vielleicht wären einige Wörter über das Poetische, das in unseren Leben Fehlt, wichtig. Die 12 Fluchtlinien bleiben so sehr wissenschaftlich orientiert, nicht vergessen, was „buen vivir“ bedeutet… Ist es nicht das Ziel der Suche nach einer Postwachstumsgesellschaft: ein bisschen mehr Schönheit ?

    Und nun das wichtigste: eure 12 Fluchtlinien wären richtig herzerfreuend wenn sie… 13 wären: Zwischen 10. und 11. wäre einen spezifisch an der Frage des Patriarchat gewidmete Punkt zu integrieren.
    Einige Ideen:
    Im Norden haben wir – zumindest teilweise – viele Dominationsfragen gelöst. Aber nicht alle. Rassismus ist immer sehr präsent, teilweise angezeigt, teilweise institutionalisiert; Sexismus aber eher vielmehr institutionalisiert und reproduziert als angezeigt.
    Sexismus beim Geburt der so genannte Demokratie, wenn bei Plato (also um -400) und Aristoteles (also um -350) schon zu finden war, dass die Frauen von Natur her „unter-Wesen“ sind und daher von Eigentum und Staatsbürgerschaft ausgeschlossen werden; Antiken die uns einige Jahrhunderte später die wunderschöne Grundlagen der Aufklärung, von der unsere Gesellschaften, Verfassungen, Vorstellungs-kraft und -welt bis heute immer noch total geprägt sind, gegeben haben.
    Sexismus bei jeder Religion, die die Macht der Männer nach dem Fall der Repulik der Antik weiter schützt – einzige Sache, über die die verfeindete Religionen, also katolische und Reform, in Trient (ab 1545) einig wurden: das „Dienerin“-Status der Frau!
    Und nun, dass die neue Religion die alte ersezt hat, ich meine natürlich die kapitalistische Wachstumsreligion, was merkt man? Das sich nichts verändert hat. Religionen sind immer ein Macht-Mittel, und zwar von einer Minderheit über die Mehrheit, und von den weissen gesunden Männern über Frauen, Schwarzer etc, etc…
    Bis zum 18. Jahrhundert war die Frau die Sache Gottes, und unter Got, der Männern.
    Heute ist die Frau die Sache des Kapitalismus, und darunter, der Männern.
    Die Werbung hat, um den Bild der Frau und die Idee ihrer Minderwertigkeit weiter zu leiten und zu verbreiten, die religiöse Ikonographie ersetzt ; als vom Marketing kategorisierte Bevolkerung gilt aber die Frau immer weiter als Dekorationsgegenstand, als Aufwands-Ding des glücklichen Mannes, der mit ihr an seiner Seite laufen wird (ich bleibe soft).
    Dagegen, das Bild des Mannes/Männliches fand damals tapfer und fromm seine Grösse – ob er Lust hatte oder nicht, wir waren nicht so weit, dass die Frage sich gestellt hat, oder doch vielleicht; das vermittelt aber die Geschichte nicht – und heute, ich komme endlich zum Punkt, heute was ist Männlichkeit und was ist ihre Verbindung mit Wachstum? Männlichkeit heisst Domination, heisst Wettbewerb, und das Wachstumsmodell ist eine Illustration des Absurdes dieser Konstruktion an einen individuellen wie an einen kolletiven Massstab. Weil Wirtschaft erst von Individuen gemacht wird, und zwar männliche, und im alltag von solche Verhalten regiert wird, die Frauen unterwerfen, und Gesellschaft und Welt (Natur) zerstören. Ausbeutung der anderen gehört dazu: Dschungel-gesezt lässt bei uns Männlichkeit gewinnen.
    Ich bin sehr hart gegen die Stellungnahme essentialistischer Ökofeministinnen wie zB Werlhof, die das Kapitalismus ein „Zestörungsprojekt“ (der Männer) nennt ; Ich sehe eine sozial konstruirte Dominationssituation, die für beide Geschlechter abgeschaft werden muss, cf Dagmar Vinz über Plumwood („Nachhaltigkeit und Gender“, Attac.de) : „(…) sowohl Männer als auch Frauen Deformierungen durch stereotypisierende dualistische Denkweisen und Konzepte erfahren. Nach Plumwood sollten beide Geschlechter sich für eine Neubestimmung von Männlichkeit und Weiblichkeit engagieren, die dualistische Konzeptionen von Mensch un Natur auf den Prüfstand stellt und ein nicht-hierarchistisches Verhältnis zwischen beiden entwirft.“
    Nun was hat das alles mit Postwachstum zu tun ? Kurz : fertig mit den Gender, fertig mit der Notwendigkeit, sich durch Wettbewerb und Hierarchie zu unterscheiden, fertig mit dem grösten Teil der Dominationsverhalten, die ich mit der Wachstums- und Akkumulations-Ideologie und -Verhalten eng verbinde.
    Ein Postwachstumsprojekt ist die Gelegenheit, neue Basis zu stellen: eine Demokratie die sich diesen Name verdient, nachhaltige Lebensart und menschliche Beziehungen unter ALLE und nicht unter alle… Männer

  4. Barbara Volhard schreibt:

    Lieber Alexis,

    hier ein Hinweis auf eine interessante Beilage der WOZ zum Thema Wachstum und Décroissance als Download:
    http://decroissance-bern.ch/index.php?s=Aktuell&CMBarticle_2_drag3=118

    Gruß, Barbara

  5. Kris schreibt:

    In Eurer Fluchtlinie 9 sagt Ihr:

    „Postwachstum heißt daher, dass die Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals abnehmen und die durch die Finanzmärkte aufgeblähten fiktiven Vermögensansprüche nicht realisiert werden können. Darüber hinaus müssen[…] viele Produktionsstätten […] stillgelegt werden (Disinvestment). Beides bedeutet die Vernichtung von Kapital. Um globale soziale Rechte zu ver­wirklichen, führt kein Weg an diesem Kern der politischen Ökonomie und damit an dieser Machtfrage vorbei.“

    Ich stimme Euch zu. Aber den Kern habt Ihr damit noch nicht ganz getroffen. Ich füge hinzu: Es muss zu einer – wie auch immer gearteten – „demokratischen Vergesellschaftung“ der hauptsächlichen Produktionsmittel sowie des Finanzbereiches kommen. Und die Gesellschaft sollte eine Vorstellung davon haben, wie sie eine solche vergesellschaftete Wirtschaft sinnvoll betreiben kann. Wie so etwas aussehen kann, muss bereits vorher halbwegs durchdacht sein. Deswegen sollten wir jetzt anfangen, solche Systemüberlegungen konkret anzustellen. Ich unterstelle mal, dass Eure Fluchtlinien auch hierfür der Startpunkt sein sollen. Oder?

    Ihr stellt am Ende von Punkt 9 die folgende Frage in den Mittelpunkt:

    Welche sozialen Akteurskonstellationen mit welchen Interessen, Mitteln und Strategien wollen und können eine solidarische Postwachstumsökonomie und die notwendige Dekommodifizierung und Entmonetarisierung von (Re)Produktionsräumen durchsetzen?

    Ihr macht den zweiten Schritt vor dem ersten. Das ist die strategische Frage nach dem „revolutionären Subjekt“, die zunächst nicht ansteht. In einer Umbruchsituation wird sich zeigen, wer zu diesem politischen Bündnis gehört. Darüber vorher zu spekulieren ist müßig – oder wer hätte die Stuttgart 21- Bewegung in ihrer Zusammensetzung so vorhersagen können? Zunächst einmal sollten wir zumindest theoretisch beweisen, dass „eine andere Welt möglich“ ist. Damit es überhaupt so weit kommen kann.

    Ich stelle somit eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie könnte eine nachkapitalistische „Postwachstumsökonomie“ denn überhaupt aussehen und – im Sinne der Bedürfnisbefriedigung der Menschen – gut funktionieren? Erst wenn wir diese Frage nach einer „Systemalternative“ für die Mehrheit der Gesellschaft plausibel beantworten können, haben wir überhaupt eine Chance, an den Punkt zu kommen, an dem eine Bewegung den Mut finden kann, aus dem jetzigen System auszusteigen.
    Kris

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  8. Werner Ruhoff schreibt:

    Ich finde die Ideen und Postulate zur „Postwachstumsökonomie“ sehr interessant. Die Frage ist allerdings, wer sind die Menschen, die das unterstützen; aus welchen Einsichten bzw. Erkenntnissen kommt die Bereitschaft – welche Interessen spricht das an?
    Ich war über 20 Jahre Gewerkschaftsmitglied und weiß, wie schwer sich Mitglieder und Funktionär_innen mit dem Abschied vom Lohnfortschritt tun. Hier ist m.E. auch ein unbearbeiteter Acker, der eine große Herausforderung darstellt.
    Wie kommt mensch mit den Gewerkschaften bzw. aufgeschlossenen Mitgliedern in einen Dialog über die Einordnung der materiellen Interessenvertretung in eine entgegengesetzte Richtung?
    Stichworte, was in die Richtung gehen könnte:
    die Schwerpunktverlagerung der betrieblichen Interessenvertretung auf eine Entschleunigung der Arbeitsprozesse und auf eine stärkere Betonung der Gesundheit am Arbeitsplatz;
    die Ausdehnung der betrieblichen Mitbestimmung, z. B. im Hinblick auf Konversion;
    Orientierung auf die Umsetzung einer betrieblichen Vereinbarung mit sozial-ökologischen Zielsetzungen;
    der Kampf um eine Verkürzung der Lohnarbeitszeit in all ihren Dimensionen;
    die Einführung von Mindest- und Höchstlöhnen;
    Solange Lohnerhöhungen, eine Begrenzung auf einheitliche Sockelbeträge für alle Tarifgruppen bis zu einer Höchstgrenze. Statt Erhöhungen für hohe Lohn- bzw. Gehaltsgruppen könnten diese Mittel zur Einrichtung eines demokratisch selbstverwalteten Fonds angestrebt werden, aus dem soziale, ökologische, betrieblche bzw überbetriebliche Projekte aufgebaut werden könnten;
    eine generelle Begrenzung der auszuschüttenden Gewinnanteile auf einen geringen Prozentsatz; stattdessen eine Unterstützung sozial-ökologischer Projekte aus frei werdenden Gewinnanteilen;
    Diese Punkte möchte ich allerdings nicht als Gewissheiten verstanden wissen, die anderen Gewerkschafter_innen aufoktroyiert werden sollen. Es sind einfach Überlegungen für eine m.E. notwendige Diskussion vor allen Dingen der Gewerkschaftsmitglieder selber.
    Werner Ruhoff

  9. Pingback: Das Scheitern der Enquete bedeutet nicht das Ende der Debatte | Sozial-ökologische Transformation

  10. jazzbob schreibt:

    Hat dies auf ~Jazzbob's Blog~ rebloggt und kommentierte:
    Ich informiere mich gerade über das Thema Postwachstum. Sehr interessante Gedanken von höchster Aktualität!

  11. Pingback: Blog – Postwachstum

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