Den Zwang zum Wachsen oder Weichen überwinden

– Solidarische Landwirtschafts als Einstigsprojekt zu einer Solidarischen Landwirtschaft

Alexis Passadakis spricht mit Rolf Künnemann von Fian

1.) Wie funktioniert euer Konzept der Community Supported Agriculture (CSA) oder Solidarischen Landwirtschaft? Wie unterscheidet es sich vom Modell der „Bio-Kiste“?

Bei der Solidarischen Landwirtschaft verbindet sich eine Gruppe von Menschen (meist aus der Stadt) langfristig mit einem Hof. Sie finanziert den Hof jeweils für ein Jahr im Voraus, übernimmt – gemeinsam mit den LandwirtInnen auf dem Hof – das wirtschaftliche Risiko und bestimmt mit, was (und wie) angebaut wird. Dafür erhält diese Hofgruppe die vom Hof hervorgebrachten Lebensmittel ohne Bezahlung. Die Motivationen, bei einem solchen Gemeinschaftshof mitzumachen, sind vielfältig. Menschen wollen Nahrungsmittel, auf deren gesundheitliche und geschmackliche Qualität sie sich verlassen können, die ohne Zerstörung von Böden, Wasser, Artenvielfalt, Klima, artgerecht und lokal entstanden sind. Andere suchen auf solchen „Gemeinschaftshöfen“ Ernährungssouveränität und – sicherheit unabhängig von Märkten, Banken, Agrarkonzernen. Viele wollen eine bäuerliche Landwirtschaft, bei der sie die LandwirtInnen, die ihre Lebensmittel erzeugen, auch persönlich kennen und mit ihnen partnerschaftlich verbunden sind. Sie suchen in der Hofgruppe für sich und ihre Kinder die Gemeinschaft mit anderen, die Nähe zur Natur, zu den Menschen, Tieren und Pflanzen des Hofes, als ihrer persönlichen Lebensgrundlage. Bei den Abokisten fehlt davon eine ganze Menge, z.B. die Überwindung der „Verbraucherrolle“ und der Kaufsituation, die enge Verbindung zur gemeinsamen Landwirtschaft samt Risikoübernahme, Mitverantwortung, Mitgestaltung des Gemeinschafts-Hofes.

2.) Woher kommt dieses Konzept, wie verbreitet ist es? Unter welchen unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen hat es sich entwickelt?

Das Konzept gibt es bei kleinen Gruppen schon seit langem – in Europa und anderswo. Im großen Stil wurde es in den 1970er Jahren in Japan entwickelt – zum Teil als Reaktion auf die Überschwemmung des heimischen Marktes mit US-Nahrungsmittel. Inzwischen gibt es in Japan viele Millionen von Menschen, die zu solchen Teikei (Partnerschaftshöfen) gehören. In den 1990er Jahre erfolgte der Durchbruch in den USA. Von dort breitete sich das Konzept vor allem nach Frankreich und Großbritannien aus. Inzwischen gibt es CSA in immer mehr Ländern.

3.) Welche Rolle spielen Attac-Gruppen in Frankreich und Deutschland bei der Verbreitung dieses Modells?

Der erste Solihof in Frankreich entstand 2001 aus der Zusammenarbeit eines Bauern bei Aubagne (Provence) mit der dortigen Attac-Gruppe. Seitdem haben sich die AMAPs (wie sie in Frankreich heißen) wie ein Lauffeuer verbreitet. Dabei haben die attac-Gruppen nach dem Vorbild von Aubagne eine große Rolle gespielt: Es ist ja immer wichtig, dass es in Hofnähe eine Hofgruppe gibt, sonst sitzen die Soli-Landwirte auf dem Trocknen. Diese Hofgruppen waren oft die Attac-Gruppen. Attac France übernahm auch institutionelle Mitverantwortung in den landesweiten Unterstützernetzwerken für die AMAPs. Attac-Gruppen in Deutschland könnten das genauso gut. Bei der Attac-Sommerakademie 2010 in Hamburg-Bergedorf hat sich schon eine Initiative in dieser Richtung gebildet. Dazu gehören inzwischen auch Mitglieder und Landwirte von einigen der etwa 12 Soli-Höfen in der Bundesrepublik.

4.) Zur Zeit ist viel die Rede von Bio-Boom und von der Notwendigkeit einer post-fossilen Landwirtschaft? Gibt es da Widersprüche? Wie verortet sich CSA? Ist CSA ein Modell für eine Landwirtschaft jenseits des Wachstums?

Trotz der hohen Zuwachsraten und des großen Interesses der Menschen an echten Bioprodukten ist deren Marktanteil auch weiterhin gering. Am Markt herrscht ein unfairer Wettbewerb: Die Kosten der üblichen Lebensmittel werden durch Umweltzerstörung heruntersubventioniert und deren Preise damit künstlich niedrig gehalten. Mit solchen Preisen können Bioprodukte nicht mithalten. Die Bevölkerung greift dann doch eher an den Bioprodukten vorbei. Die dringend nötige Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft durch „Marktsignale“ ist deshalb sehr schwer. Der Solidarische Landbau macht bei diesem makabren Spiel nicht mehr mit. Er steigt aus dem Markt aus. Bioprodukte aus der Solidarichen Landwirtschaft dürften übrigens gute 30% billiger sein als Bioprodukte aus dem Biomarkt. Aber das ist nicht der Punkt. Post-fossile Landwirtschaft? Die industrielle Landwirtschaft erntet als Nahrungsenergie nur einen Bruchteil der Energie, die sie – vor allem für Düngemittel und Treibstoffe – einsetzt. Mit dem Ende des fossilen Zeitalters stellt sich die Frage, wo die Energie dafür denn herkommen soll. Aus der industriellen Landwirtschaft über Agrartreibstoffe sicher nicht, denn da beißt sich die Katze in den Schwanz. Außerdem werden Agrarrohstoffe in Zukunft vermehrt in Konkurrenz mit Nahrungsmitteln treten. Werden diese Politikentscheidungen den „Märkten“ und deren Wachstumswahn überlassen, sind hohe Nahrungsmittelpreise vorprogrammiert. Solidarische Landwirtschaft erlaubt der Hofgruppe, diesen Preisen zu entgehen, und bietet dem Gemeinschaftshof die Möglichkeit, den „Zwang zum Wachsen oder Weichen“ zu überwinden. Das ist tatsächlich ein wichtiger Schritt zu einer Wirtschaft jenseits des Wachstums.

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